Herbstwanderung 2018

Auf den Spuren eines „fast" vergessenen Denkmals
von Heinrich Vierlinger

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein böhmischer Freiherr, Offizier seiner Majestät in Wien und Unternehmer Namens Jakob von Wimmer...... So ungefähr könnte eine Erzählung beginnen, in der von einer außergewöhnlichen Baumaßnahme in den Wäldern und Landschaften des Bayerischen Waldes erzählt wird, die von großer Schaffenskraft und präziser Planung zeugt, aber durch politische und militärische Ereignisse von europäischer Tragweite ein jähes Ende fand.
Diese in der Form eines Märchens begonnene Begebenheit gab es wirklich in unserer Heimat, und es geht um den Bau des sogenannten „Wimmerschen Kanals" im Jahr 1805. Im Jahr 1803 fiel das Fürstbistum Passau der Säkularisation zum Opfer. Der westliche Teil mit Passau wurde bayerisch und das Abteiland dem neugebildeten Kurfürstentum Salzburg zugesprochen. Erzherzog Ferdinand, Bruder des Kaisers in Wien, wurde Landesherr der Waidler im Abteiland. Sein Herrschaftsgebiet umfasste das Gebiet östlich der Ilz bis zur Rodl, der böhmischen Grenze, zum Sagwasser und bis zum Markfleckl nördlich des Lusens. Da die Nutzung des Holzreichtums der Wälder an der Grenze durch Abtriften über das existierende Ilzer-Triftsystem über bayerisches Gebiet nicht mehr möglich war, wollte Oberst Freiherr von Wimmer mit Hilfe des kursalzburgischen Straßen-und Wasserbaudirektors Hofkammerrat Leopold von Riedl einen Triftkanal auf eigenes Risiko unter Umgehung der Ilz bis zur Erlau bauen, um somit Scheiterholz auf diesem Weg zur Donau und nach Wien transportieren zu können. In nur wenigen Monaten gruben und werkelten vermutlich mehr als 1000 Mann - österreichisches Militär und Hilfsarbeiter der Gegend - und bauten einen Triftkanal vom oberen Reschbachtal über ca.50 km bis zur Erlau bei Waldkirchen. Der "Kanei", wie er von den Einheimischen genannt wurde, ging jedoch nie in Betrieb. Napoleon machte mit seiner Grand Armee und einem rasanten Vormarsch seiner Truppen von der Ärmelkanalküste nach Bayern und Österreich, diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Mit seinem Sieg in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz vor den Toren Brünns am 2.Dezember 1805 und dem Frieden von Pressburg am 26.12.1805 wurde auch dieser Teil des ehemaligen Fürstbistums Passau bayerisch. Das beinahe fertige Kanalbauwerk wurde nicht mehr vollendet.

Wimmerkanal_Holztafel.jpg

Holztafelbild von Michael Haug
Heute ist dieses Meisterwerk der Ingenieurkunst nur noch wenigen bekannt. Dem Vergessen wirkt der Verein Pro Nationalpark entgegen. Mit Vorträgen und Exkursionen und der tatkräftigen Unterstützung von Michael Haug aus Grafenau will er den Kanal bei der Bevölkerung wieder in Erinnerung rufen bzw.halten. Haug ist in Sachen Wimmerkanal in unserer Gegend der Experte. Er hat durch Quellenstudium und Begehungen viele wichtige Details zusammengetragen. Bei der kürzlich durchgeführten vierten Wanderung des Vereins Pro-Nationalpark zu Spuren des Wimmerkanals ging es dann auch, wie konnte es anders sein, wiederum um dieses Thema. Konkret wollte er den Teilnehmern dieses Mal seine These von einer Fortsetzung bzw. damals auch schon in Arbeit befindlichem Weiterbau des Kanals in Richtung Sagwasser erläutern. Nach seinen Recherchen und Berechnungen im Gelände geht es dabei um eine 16 km lange Verlängerung bis an den Lusen. Seine These:"Wenn die damals in der Lage waren innerhalb von 5-6 Monaten einen Triftkanal über 50 km zu bauen, um Holz aus den Wäldern bei Mauth bis zur Donau zu triften, dann ließen sie sich auch den Waldreichtum zwischen Reschwasser und Sagwasser nicht entgehen". Haug führte die Gruppe unter ihnen auch Hynek Hladik aus Prachatiz, Organisator für Schauschwemmen und Schwemmdirektor auf dem Schwarzenbergischen Schwemmkanal und Max Greiner, Vorsitzender des Vereins Pro-Nationalpark entlang des Steinbaches über die Steinbachklause zum Sagwasser. Unterwegs zeigte er den Teilnehmern an zwei Stellen deutliche Spuren eines Schwemm- bzw. zumindest eines Überleitungskanals. Zusammenfassend stellt er auch noch einmal deutlich klar: Der Sammelkanal vom Lusen wird in den Quellen erwähnt. Er konnte das Wasser zumindest während der Schneeschmelze oder bei Starkregen liefern, um einen Hangkanal mit Wasser zu versorgen, damit man dort triften kann. In den historischen Quellen wird u.a. nach neuesten Erkenntnissen von 80 km Kanallänge gesprochen, damit kommt man über das obere Reschbachtal hinaus bis zum Sagwasser und Lusen. Mit dieser vierten Wanderung hat Michael Haug innerhalb der letzten 2 Jahre interessierte Mitglieder zur immer noch deutlich feststellbaren Kanaltrasse in den Wäldern bis zur Erlau geführt. Der Verein Pro-Nationalpark plant als nächsten Schritt zunächst, weitere Info-Tafeln zu erstellen und in Abstimmung und Zusammenarbeit mit den Gemeinden diese an kreuzenden Wanderwegen aufzustellen.

Kanaltrasse.jpg

Kanaltrasse ca. 1 km oberhalb der Steinbachklause,Foto:Vierlinger

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Michael Haug erklärt den Verlauf des Kanals,Foto: Hynek Hladik

Steinbachklause.jpg

Steinbachklause,vom Biber angestaut,Foto:Vierlinger



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