Heulen wie die Wölfe

Heulen wie die Wölfe

Ungewöhnliche Methode bringt Nachweis eines zweiten Wolfsrudels im Bayerwald  
Andreas Nigl  11.09.2020 | Stand 10.09.2020, 23:37 Uhr 

Der Nationalpark Šumava konnte diese laktierende (säugende) Wölfin aufnehmen. Sie gehört dem Rudel an, das die Wälder zwischen Finsterau und Srní nutzt. -Foto: Nationalpark Šumava      


Finsterau/Böhmisch Eisenstein. Seit 2015 kehren Wölfe auf natürliche Weise in das Grenzgebiet zwischen Bayern und Böhmen zurück. Diesen Prozess beobachten vor allem die Forscher der Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava - unter anderem mittels Fotofallen und Genproben. Aufgrund der Ergebnisse des Monitorings sind die Forscher zu dem Schluss gekommen, dass die Wölfe in der Region rund um die grenzüberschreitenden Großschutzgebiete zwei regionalen, standorttreuen Rudeln (mindestens zwei erwachsene Tiere mit Nachwuchs) angehören. Dies haben jetzt die Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava mitgeteilt.
"Ein Rudel nutzt hauptsächlich die Wälder zwischen Finsterau und Srní", erklärt Nationalparkleiter Dr. Franz Leibl. "Das zweite Rudel wird vermehrt zwischen der Trinkwassertalsperre Frauenau und Böhmisch Eisenstein gesichtet," ergänzt sein tschechischer Amtskollege Pavel Hubený. Die ersten Jungtiere wurden im Jahr 2017 nachgewiesen.
Im Bereich Finsterau/Srní haben die Wissenschaftler eine Wölfin mit deutlich sichtbarem Gesäuge fotografiert. "Die Milchdrüsen des weiblichen Tiers sind gefüllt, ein eindeutiges Zeichen für Nachwuchs", so Prof. Marco Heurich, der das Wolfs-Monitoring im Nationalpark auf bayerischer Seite koordiniert. Jan Morkry, sein Kollege im Nationalpark Šumava, bestätigt: "Durch eine andere Fotofalle in diesem Gebiet tappten vier Welpen." 

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Der Nationalpark Sumava konnte diese laktierende Wölfin aufnehmen. Sie gehört dem Rudel an,das die Wälder zwischen Finsterau und Srni nutzt.

Die Tiere, die den nördlicheren Bereich der Region nutzen, wurden bereits seit letztem Winter regelmäßig durch Wildtierkameras fotografiert. Genetische Analysen von Kotproben legten laut einer Mitteilung des Nationalparks Šumava nahe, dass sich dort seitdem neben zwei ausgewachsenen Wölfen auch ein Jungtier aufhalten könnte, was ein Indiz für die Bildung eines Rudels sei. Bis letzte Woche war dies jedoch nur eine begründete Vermutung. Die Karte zeigt die Bereiche im Bayer- und Böhmerwald, wo die beiden Wolfsrudel von Forschern lokalisiert werden konnten. Die wirklichen Streifgebiete der Tiere gehen weit darüber hinaus. Menschliche Siedlungen werden von ihnen gemieden. -Karte: Cavar/Google Maps Jetzt brachte die enge Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus dem Team von Aleš Vorel von der Tschechischen Agraruniversität Prag und den Experten aus beiden Nationalparks neue Informationen. 

"Durch die Verfolgung der Spuren mit einem speziell ausgebildeten Hund und die anschließende Simulation durch Heulen konnte die Anwesenheit von Jungtieren an zwei entfernten Orten nachgewiesen werden, was die Reproduktion und das Vorkommen nicht nur des ursprünglichen, sondern auch eines neuen Rudels bestätigte", so Aleš Vorel in einer Pressemitteilung des Nationalparks Šumava. 

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Die Karte zeigt die Bereiche im Bayer-und Böhmerwald,wo  die beiden Wolfsrudel von Forscher lokalisiert werden konnten.Die wirklichen Streifgebiete der Tiere gehen weit darüber hinaus.Menschliche Siedlungen werden von ihnen gemieden

Die Wölfe in beiden Gebieten reagierten auf die vorherige akustische Stimulation mit Heulen, wobei die Jungtiere aus diesem Jahr eindeutig herauszuhören waren. 
Die Nationalparkverwaltung Šumava hat auch Nachweise eines anderen Wolfs oder weiterer Wölfe im südlichen Teil des Šumavas, der nicht mehr an den Nationalpark Bayerischer Wald angrenzt. Ein Rudel wurde in diesem Bereich jedoch nicht bestätigt.

"Wir brauchen ein gutes Wolfsmanagement"

Professor Heurich: "Miteinander ist möglich"  
PNP 11.09.2020 | Stand 10.09.2020, 23:36 Uhr     

Neuschönau. Mittlerweile haben sich zwei Rudel im bayerisch-böhmischen Grenzgebiet etabliert. Und keiner merkt etwas davon. Die PNP hat sich mit Prof. Marco Heurich, dem Wolfsexperten beim Nationalpark Bayerischer Wald, über die Rückkehr der scheuen Tiere unterhalten. Heurich ist Herausgeber des Buches "Wolf, Luchs und Bär in der Kulturlandschaft - Konflikte, Chancen, Lösungen im Umgang mit großen Beutegreifern", das sich mit eben diesem Thema befasst. 

Was ist die Besonderheit an dieser Population? Können Sie die Entwicklungsgeschichte skizzieren? 

Marco Heurich: Wir hatten ja bereits 2015 den ersten Wolf im Nationalpark mit einer automatischen Fotofalle nachgewiesen. Genetische Analysen haben dann gezeigt, dass das männliche Tier aus der alpinen Population zugewandert war, also wahrscheinlich ein Italiener war. Im Jahr 2016 gelang dann ein Bild mit zwei Wölfen, es war ein Weibchen aus der zentraleuropäischen Population, also war wahrscheinlich eine Polin dazugekommen. Damit war der Nationalpark in einer einmaligen Situation, denn hier kam es zum ersten Kontakt der beiden Populationen überhaupt. 2017 gab es dann Nachwuchs, das erste Rudel war nach über 150 Jahren entstanden. Anschließend verlor sich die Spur des Weibchens, und zwei Jungwölfe wanderten ab. Der eine nach Thüringen und der andere wurde bei Hamburg überfahren. Die beiden weiblichen Welpen blieben aber in der Region. 2019 hatte sich das Rudel wieder neu formiert und es konnten fünf Welpen nachgewiesen werden. 

Die Tiere wurden jetzt durch Heulen nachgewiesen. Wie muss man sich das vorstellen?

Heurich: Man geht in ein Gebiet, in dem man die Tiere vermutet und fängt dann einfach an, wie ein Wolf zu heulen. Dann gibt es meist eine Antwort, bei der man die Welpen von den erwachsenen Tieren unterscheiden kann. Die Population wächst. Können wir in nächster Zeit mehr Konflikte Wolf/Mensch erwarten?
Heurich: Die Wölfe in den beiden Nationalparks verhalten sich sehr unauffällig, so dass sie bislang außer mit Fotofallen kaum beobachtet werden konnten. Auch haben sie ihre Streifgebiete so gewählt, dass sie möglichst weit von menschlichen Strukturen entfernt sind. Mittlerweile verfügen wir in Deutschland ja über Erfahrungen mit Wölfen aus über 20 Jahren und die zeigen, dass ein konfliktarmes Miteinander möglich ist. Natürlich kann es in Zukunft auch bei uns vorkommen, dass Wölfe auch Schafe und Ziegen erbeuten. Aber es gibt dafür auch gut funktionierende Schutzmaßnahmen, wie Elektrozäune, die die Wölfe abhalten. Falls dennoch Schäden entstehen, werden diese, wie auch die Schutzmaßnahmen, durch Förderprogramme ersetzt. 

Wie muss Ihrer Ansicht nach ein ideales Wolfsmanagement ausschauen?

Heurich: In erster Line brauchen wir einen sachlichen und fundierten Umgang mit dem konfliktbeladenen Thema Wolf. Dazu gehören ein gutes Monitoring der Tiere im Gelände, Schutzmaßnahmen für Weidetiere, eine professionelle Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit und Ansprechpartner vor Ort, an die sich Menschen wenden können, wenn Probleme auftauchen. Die Fragen stellte Andreas Nigl.       
       


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